Vaterglück

Ja, was soll ich sagen. Gestern kam ich um acht Uhr abends von der Arbeit. Ich machte noch schnell die Küche sauber um mich um neun Uhr ins Bett zu legen, denn am nächsten Morgen um sechs Uhr musste ich wieder im Büro sein.
Da weckte mich meine Frau, die noch am Fernsehen schauen war, weil ich den Kühlschrank nicht saubergemacht hatte. Gut, das war mein Fehler. Einmal die Woche muss der Kühlschrank ausgeräumt und saubergemacht werden. Das habe ich gelernt, das weiß ich.
Um halb eins kam ich dann endlich ins Bett; nachdem ich noch im Wohnzimmer die Möbel gereinigt hatte. Ich konnte meine Frau verstehen; niemand möchte seine Füße auf einen dreckigen Tisch legen.

Und wenn ich die Hausarbeit richtigmache, gibt’s auch am Monatsende mehr Taschengeld. Auch mal mehr als zwanzig Euro.

Jeden Sonntagmorgen um zehn Uhr gibt es ein Familientreffen. Dabei wird von meiner Frau, meinen zwei Kindern und mir darüber diskutiert, was ich noch besser machen kann.
Sonntags mittags habe ich dann zwei Stunden für mich alleine, mit den Kindern auf dem Spielplatz. Früher war das nur eine Stunde, aber die zweite Stunde habe ich dann durchgesetzt.

Übermorgen habe ich meinen Jahreshöhepunkt. Meine Frau fährt mit den Kindern und den Kreditkarten zum Einkaufen in die Stadt.
Wenn ich rechtzeitig mit dem Putzen und der Gartenarbeit fertig bin habe ich den ganzen Samstagnachmittag für mich.

Dann kann ich mich mal richtig austoben.
Dann räume ich endlich mal die Garage auf.
Das wird ein Spaß.

Monolog am Spielfeldrand

Komm schon Niklas!

Bewegen Niklas!

Nicht stehen bleiben!

Eckball!

Eckball!

Nicklas Eckball!

Nicklas!

Nicklas!

Nicklas – da ist der Ball!

Niklas geh raus!

Geh raus Niklas!

Andere Richtung Niklas!

Andere!

Niklas!

Niklas!

 

So notiert am Spielfeldrand eines G-Jugend Fußballspiels.

Ein wunderlicher Traum von Unordnung

Ich schaue aus dem Fenster und dort unten läuft meine Liebste wieder einen ihrer Dauerläufe. Unseren Hund hat sie dabei.
»Der Hund mag doch mitlaufen, oder?« sagt sie direkt neben mir und ich nicke.
»Gut, dann noch eine Runde«, sagt die Liebste und steigt auf die lange metallene Rutsche direkt vor uns.
»Kommt Töchterchen mit?« fragt sie und Töchterchen ruft freudig ja. Im gleichen Moment auf die Rutsche, mit dem Hund und ab in die Halle.
Die Liebste lächelt mich an.
Ich lächle zurück und dabei kommt das Auto leicht ins Schleudern. Unter unseren Reifen ist eine große Schicht von roten rutschigen Beeren. Ich versuche das Auto zu verlangsamen, doch das Wasser und das Gefälle ziehen uns immer weiter mit.
Unten an der Straße sehe ich mehrere Fahrzeuge gegen die Wassermassen kämpfen.
Die drei Gäste im Font schweigen.
Wir passieren die Verkehrsinsel, an der sich Menschen an den Schildern festhalten, um nicht in die Fluten gezogen zu werden. Das Auto treibt auf dem Wasser.
»Die Armen werden sterben«, sagt die Liebste mit einem Blick zurück zu den Fußgängern.
Ich stimme ihr zu, sage aber nichts.
Die drei Gäste hinten schweigen.
»Wenn das Wasser so hoch ist, dass es ins Auto läuft und wir untergehen, dann muss es schnell gehen«, sage ich. »Dann kurbel ich das Fenster runter und wenn wir raus sind, müsst Ihr die Sitze nach vorne machen und auch raus.
Ohne offene Fenster sterben wir.«
Die Liebste lächelt mich an.
»Das ist doch nur der Schwanz vom Hund, der an den Schrank schlägt«, sagt sie.
Die Kinder schauen mich fragend an.
»Das ganze Zeugs muss da weg. Playmobil, Lego, Barbie-Puppen und auch die Spielzeugautos. Wenn das Wasser reinkommt, muss Platz sein. Und das ist nicht der Hund. So schnell ist der Schwanz nicht.«

***

Das Vibrieren des Handyweckers zwingt mich aus dem Schlaf und immer noch prasselt der Gewitterregen gegen das Schlafzimmerfenster.

Immer noch dieser Mann und diese Frau

Basierend auf der Geschichte »Dieser Mann und diese Frau« von Anna Gavalda aus dem Band »Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet« entstanden in einem Kurztext-Workshop


Dieser Mann und diese Frau sitzen in ihrem ausländischen Wagen.

Bis zum Wochenendhaus ist es noch ein Stück. Die Straße zieht vorbei, nur unterbrochen von den farbigen Skulpturen am Rand.

Der Frau fällt auf, dass sie seit über einer Stunde den Mann nicht angesehen hat.
Hatte sie ihn früher öfter angesehen oder länger?
Wie war das bei der Trauung damals?
Hatten sie sich da angesehen?
Sie erinnerte sich nicht.
Sie schaut auf ihre Hände, die still auf ihren Knien liegen. Kann sie diese Hände überhaupt noch bewegen? Oder ist sie schon steif oder erstarrt.
Sie hebt eine Hand kurz an. Nicht viel, vielleicht einen halben Zentimeter.

Der Mann schaut stumm auf die Straße. Die Linien auf der Fahrbahn ziehen im Rhythmus der Musik an seinem Auto vorbei.
Wie sein Leben.
Immer das Gleiche, unausweichlich.
Stunde für Stunde.Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Die einzige Störung kommt von diesem beschissenen Vergaser, der schon wieder klopft.
Das ganze Wochenende liegt in seinem Leben wie ein zu schweres Essen im Magen. Jeder dieser Wochenenden. Jedes einzelne.
Wieder zwei ganze Tage verloren.
Wie so oft stellt er sich vor ein LKW würde überraschend auf seiner Spur entgegenkommen.
Aber das wird nicht passieren.
Nichts wird sich ändern.
Kein LKW, nicht der Vergaser, nicht das verdammte Finanzamt und bestimmt auch nicht dieses betrügerische Pack von Hausmeisterehepaar, das im Wochenendhaus auf ihr Eintreffen wartet.

Die Frau hebt beide Hände an und betrachtet sie. Fein manikürt und mit Ringen bestückt, die zum Rest ihres Outfits passen.
Die Farbe ist nicht blass. Sie ist eher dunkel und lässt die Solariumsbesuche erahnen.
Sie spürt ein leichtes Kribbeln durch ihre Finger laufen.
Sie legt die Hände wieder ab. Eine weitere Minute sitzt sie still in ihrem beheizten Sitz.
Dann atmet sie tief ein und sagt leise »Merde.«

Der Mann erschrickt nicht.
Dafür hat er sich zu gut unter Kontrolle. Er hofft das zu dem ganzen anderen Mist jetzt nicht auch noch die Frau anfängt.

Die Frau dreht den Kopf zu dem Mann und schaut ihm ins Gesicht.
»Claude«, sagt sie. »Ich entlasse die Hausmeister.«
Sie schaut ihn weiter ruhig an.
Eine Minute vergeht.
Der Mann nimmt den Fuß leicht vom Gas und schaltet das Radio aus.
Sein Blick bleibt auf die Fahrbahn gerichtet.

»Ja Mathilde«, sagt er. »Das machst Du.«

Eintagsfliegen

Massimo war sein Kumpel.
Das war klar.
Seit er denken konnte war Massimo bei ihm. Aber nun war Ende mit Freundschaft. Die Mädels kamen und da ging es um alles.
Auf Freunde kann man da keine Rücksicht nehmen.

„Platz da Massimo“, rief er rüber, „die gehört mir!“

Massimo sah ihn erstaunt an „Dir? Da täuschst Du Dich aber, Giovanni. Auf der steht schon mein Name drauf“. Und damit schob sich Massimo direkt in seinen Weg.
„Hey, ich glaub Du spinnst. Verschwinde“ rief Giovanni ärgerlich.
Aber Massimo beachtete ihn nicht.

Mittlerweile hatten die Mädels ihre Gruppe erreicht und tummelten sich zwischen all den Junggesellen. Die schnellsten und stärksten der Jungs hatten schon die ersten Opfer abgegriffen und ruck zuck flach gelegt. Wenn man das so sagen konnte.

Da – die da war genau auf seiner Linie und er gab Gas.

Im letzten Moment jedoch stieß ihn etwas aus seiner Spur. Massimo!
Dem Mädel schien das zu gefallen und sie lud Massimo ganz offensichtlich zum Tänzchen ein und Massimo nahm an.

„Arschloch“ murmelte Giovanni.
Und dann war es vorbei.
Alle Weibchen waren begattet und sie waren wieder alleine.

„Sorry“ sagte Massimo, „aber Du weißt ja, dass die Zeit knapp ist.“
„Ach – schon gut“ erwiderte er. „Als Eintagsfliege bleibt halt nicht viel Zeit zum pimpern.“
„Also los“ sagte Massimo. Nutzen wir den Rest vom Tag um einen Frosch zu ärgern.“

Und das taten sie dann auch.